Entspannung

Was waren das für entspannte Zeiten, als Freizeit noch Sofa und Glotze bedeutete oder höchstens mal ein Spaziergang in der Natur?

 

Das reicht heute ja hinten und vorne nicht mehr! Wer im Leben etwas erreichen möchte – und irgendeine überirdische Macht zwingt uns dazu, das zu wollen – darf sich mit so einem schlichten Programm nicht länger zufriedengeben.  Wir brauchen mehr! Mehr Smoothies, mehr Fitness, mehr Selfies, mehr Sightseeing und in jedem Fall mehr Zeit, um das alles zu schaffen!

 

Wie viel Selbstoptimierung ist noch gesund?

 

Die Straße zu Glück und Erfolg liegt in einer anständigen Selbstoptimierung. Wer heute noch raucht oder sich über Extrahüftpolster beschwert, hat den Schuss nicht gehört und outet sich klar als undiszipliniert und faul. Also rollt man runter vom Sofa und verbringt seine Freizeit eben sinnvoll, wie es sich gehört.

 

Der Großteil der Bundesbürger tut in seiner Freizeit nicht das, was sie gerne tun würden. Das hat der Freizeitforscher Ulrich Reinhardt herausgefunden. Und das ist doch irgendwie seltsam. Längst ist unsere Freizeit genauso strukturiert und durchgetaktet wie unser Arbeitsalltag. Wir sind derart mit dem Anspruchsdenken, den Hochleistungserwartungen unserer Gesellschaft infiziert, dass wir eine wichtige Kompetenz verloren haben: das süße Nichtstun.

 

Wer fit, beliebt und einfach besser werden will, muss in seiner Freizeit aktiv sein und das auch anhand von Selfies auf sozialen Plattformen belegen können. Fitness-Apps begleiten uns auf Schritt und Tritt, um einer Selbstoptimierung hinterherjagen zu können wie einer Trophäe. Freizeit ist, was aktiv aussieht. Zeit, die wir nicht in die bessere Form unseres Selbst investieren, ist für immer verlorene Zeit. Richtig krass wird es, wenn man auch noch Kinder hat, die zum Fußballtraining müssen, die Wäsche wartet und man auch nicht mehr einfach „Irgendwas“ kochen kann. Nun mutieren wir zu richtigen Freizeitmanagern und die freie Zeit fängt an zu stressen.

 

Und sobald ein Urlaub ansteht, wird es erst richtig schlimm, noch schlimmer, apokalyptisch!

 

Aber wann haben wir eigentlich die Kontrolle über unsere Freizeit verloren? Beispielsweise ermöglichen uns die sozialen Netzwerke, Kontakt zu Hunderten von Menschen zu pflegen. Aber je mehr Kontakte ich habe, desto weniger Zeit kann ich ihnen widmen – da geht der Stress schon mal los. Parallel boomt das Gesundheitsbewusstsein der Gesellschaft, alle leben vegan, fit, aktiv – jedenfalls sieht es auf ihren Fotos danach aus – auch das setzt uns ebenfalls unter Druck. Wenn andere Surfen lernen auf Hawaii, in ihrem riesigen Biogarten eigenen Honig imkern oder ganz nebenbei Karriere als Influencer auf allen Kanälen machen, kommt man sich mit seinem Häkelzeug auch irgendwie langweilig vor.

 

Freizeitstress beeinträchtigt auch die Arbeit

 

Wenn wir uns am Wochenende nicht erholen können, nehmen wir den Stress mit in die nächste Woche und der Berg wird immer größer. Ein Teufelskreis entsteht. Man sollte sich vielleicht mal etwas trauen: für mehr Individualität, mehr Faulheit, mehr Normalität. Auch Spontanität ist eine wertvolle Eigenschaft, die viel zu selten zum Einsatz kommt. Einfach mal nach Laune entscheiden, ob man zu etwas Lust hat, dazu braucht es allerdings auch einiges an Mut. Schließlich bedingt es, das man ehrlich ist und jemandem absagen muss, mal wieder. Auch auf die Gefahr hin, dass die Person enttäuscht sein wird. Also im eigenen Interesse ruhig auch mal egoistisch sein.

 

Nichtstun gilt leider mittlerweile als uncool. Wessen Terminkalender nicht so eng getaktet ist wie der des Bürgeramtes, zeigt damit nur, dass er es nicht weit gebracht hat: Keine 5 000 Freunde, keine Verantwortung im Job, keine originellen Interessen. Ganz schlecht. Freizeitstress ist also nicht nur gesellschaftlich akzeptiert, sondern wird geradezu vorausgesetzt. Aber: Je länger man auf Erholung verzichtet, desto schwieriger wird es dann tatsächlich, mal abzuschalten. Aber jeden Tag auf einer Hochzeit zu tanzen, wird auch irgendwann langweilig.

 

Und wenn es sonst keiner tut, ist es ja auch schon wieder irgendwie originell: Einfach auf dem Sofa liegen und glotzen.